Archiv für die Kategorie „Sprüche und Gedichte“

In der Christnacht

Samstag, 24. Dezember 2011

In der Christnacht

Ein Bettelkind schleicht durch die Gassen -
Der Markt lässt seine Wunder seh’n:
Lichtbäumchen, Spielzeug, bunte Massen.
Das Kind blieb traumverloren steh’n.

Aufseufzt die Brust, die leidgepresste,
Die Wimpern sinken tränenschwer.
Ein freudlos Kind am Weihnachtsfeste -
Ich weiß kein Leid, das tiefer wär’.

Im Prunksaal gleißt beim Kerzenscheine
Der Gaben köstliches Gemisch,
Und eine reichgeputzte Kleine
Streicht gähnend um den Weihnachtstisch.

Das Schönste hat sie längst, das Beste,
Ihr Herz ist satt und wünscht nichts mehr.
Ein freudlos Kind am Weihnachtsfeste -
Ich weiß kein Leid, das tiefer wär’.

Doch gält’s in Wahrheit zu entscheiden,
Wer des Erbarmens Preis verdient -
Ich spräch’: Das ärmste von euch beiden
Bist du, du armes reiches Kind!

Ottokar Kernstock (1848-1928)

Der Herbstwind (Heinrich Heine)

Montag, 21. November 2011

Der Herbstwind

Der Herbstwind rüttelt die Bäume,
Die Nacht ist feucht und kalt;
Gehüllt im grauen Mantel,
Reite ich einsam im Wald.

Und wie ich reite, so reiten
Mir die Gedanken voraus;
Sie tragen mich leicht und luftig
Nach meiner Liebsten Haus.

Die Hunde bellen, die Diener
Erscheinen mit Kerzengeflirr;
Die Wendeltreppe stürm ich
Hinauf mit Sporengeklirr.

Im leuchtenden Teppichgemache,
Da ist es so duftig und warm,
Da harret meiner die Holde
Ich fliege in ihren Arm.

Es säuselt der Wind in den Blättern,
Es spricht der Eichenbaum:
Was willst du, törichter Reiter,
Mit deinem törichten Traum?

Heinrich Heine, deutscher Dichter, 1797 – 1856

wiedergefunden im Newsletter von www.blueprints.de

Regen, Regen!

Montag, 20. Juni 2011

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Bring’ uns Kühle, lösch’ den Staub
Und erquicke Halm und Laub!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Labe meine Blümelein,
Lass sie blüh’n im Sonnenschein!

Regen, Regen,
Himmelssegen!
Nimm dich auch des Bächleins an,
Dass es wieder rauschen kann!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Hymne an die Nacht

Sonntag, 29. Mai 2011

Hymne an die Nacht

Dich nur lieb’ ich, o Nacht,
Tausendäugige du,
Deren gütigem Blick
Sich die Tiefen der Brust
Still vertrauend erschließen.

Der allmächtige Tag
Wie ein eiliger Arzt
Reißt mit herrischer Hand
Von den Wunden der Welt
Schonungslos die Binde;
Alle Winkel durchforscht
Seines suchenden Auges
Unerbittlicher Strahl,
Und mit schmerzlicher Kraft
Senkt er seine Sonde
In die tief geheimsten
Leidensherde des Irdischen.
Aber du,
Im schwarzen Gewand,
Barmherzige Schwester
Aller jener,
Die krank am Leben!
Du hüllest weich
Und sorgsam wieder
Die aufgerissenen
Blutenden Wunden
Und bettest sanft
Zur Ruhe wieder
Das aufgeschreckte
Gequälte Herz.
In deinen Händen,
Den wolkenlinden,
Schweigen und schwinden
Schrecken und Schmerz.
Und deinen tausend
Gütigen lieben
Sternenaugen
Entgeht kein Seufzer
Und keine Zuckung
Und keine Träne.
Groß ist der Tag!
Der starke, allheilende
Vater des Lebens!
Ich ehr’ ihn und fürcht’ ihn.
Dich aber lieb’ ich,
Mutter des Todes,
Größere, stärkere, gütige Göttin,
Trösterin Nacht!

A. De Nora . 1864 – 1936

Hasengedicht

Montag, 25. April 2011

Ein Hase auf der Wiese saß,
oh welch ein Spaß im hohen Gras
er genüßlich mümmelnd fraß
na Gras oder was?

Da kam ein junger Jägersmann
der allerdings nicht schießen kann,
er zielt’ und wagt’ es dann doch nicht
zu niedlich war der kleine Wicht.

Ein Fuchs kam ebenfalls daher
ihm viel das Fressen gar nicht schwer
doch hatte er erst gerade eben
ein Huhn gebracht ums pralle Leben.

So saß der Has ganz ungestört,
im fernen Wald ein Hirschlein röhrt,
er saß und fraß im hohen Gras
na ist das nicht ein toller Spaß!

Achim Schmidtmann